Der Sportler und die Frau vom Amt

Burg | 1964, ein Mann fährt in einem Zug mit seinen Fußballfreunden zum Trainingslager nach Dresden. Er sieht eine junge Frau, die gerade auf dem Weg zu ihrer Ausbildungsstelle als Sportartikelverkäuferin nach Kamenz ist. Sie trägt einen Tiroler Hut. Auffällig. So auffällig, dass die Frau dem Fußballer auffällt. Eine ganze Weile sitzt sie da und er hat sie im Blick. Bis er sie anspricht und sich ein Gespräch entwickelt. Der Burger Junge mit dem Dress von Turbine Magdeburg findet Gefallen an der jungen Frau aus Hüttensleben. Und sie? Sie hat Gefallen an ihm gefunden.

Die Verabredung deshalb nur Formsache. Das Wiedersehen jedoch gar nicht so leicht. Von Hüttensleben nach Magdeburg? Das war damals nicht nur eine kleine Weltreise, sondern tatsächlich ein Weltenwechsel.

Was Edeltraut Heinemann über das Kennenlernen ihres Jürgen (Jockel) Heinemann berichtet, klingt, als wäre es erst gestern gewesen. So deutlich sind die Bilder, die sie von dem jungen Mann zeichnet, der suchend auf dem Bahnsteig steht, nach einem Tiroler Hut ausschaut hält, der an diesem Tag in Hüttensleben geblieben war. Nur gut, dass Edeltraut ihn wiederkannte und das Suchen beendete.

Und was machen 1964 zwei junge Menschen, die sich zum ersten Mal in einer großen Stadt verabredeten? Sie fahren mit der Straßenbahn zum Fußballstadion. Natürlich! Das erstmalige Händchenhalten beim Gang über die Gleise war da natürlich nur eine Hilfestellung, damit die Hackenschuhe nicht beschädigt werden.

Dass der Funke da längst übergesprungen war, das zaubert beiden beim Gedanken an diesen Tag noch immer ein Lächeln ins Gesicht. Und was heute mit dem Smartphone so einfach ist, erledigte damals die Post. Mit Briefen und Karten hielten die beiden Kontakt und Herz zueinander.

Irgendwann folgte für den Fußballer die Einladung aufs Dorf. Ab da war alles nur noch eine Formsache.

Am 28. Mai 1966 läuteten die Kirchenglocken in Warsleben. Stürmisch war es an dem Tag, so wie die Ehe von Edeltraut und Jürgen. Das sagt „Trautchen“, wie Jürgen seine Frau noch heute nennt. Und dann war da noch die Geschichte mit dem Storch, den die BBC-Fußballfreunde den beiden als kleinen Wink aufs Dach setzten. „Ich war ja die letzte meiner Schulfreundinnen, die geheiratet hat.“ Und der Storch hat gewirkt. Schon im November 1967 kam Olav zur Welt.

Da wohnten die beiden schon in Burg. Von der kleinen Wohnung in der Große Brahmstraße ging es dank Bürgermeister Günter Skibbe, einem Sportfreund von Jürgen, in die Wilhelm-Kuhr-Straße und für Edeltraut direkt in die Burger Verwaltung. Zunächst als Verwalterin der Kita Käte Duncker, wo sie bis 1990 tätig war, dann in den Fachbereich Finanzen, wo sie dem heutigen stellvertretenden Bürgermeister der Stadt Burg als Lehrling das Arbeiten mit den Zahlen beibrachte.

Für Jürgen Heinemann ging es nach der Schlosserausbildung in Burg in den Werkzeugmaschinenbau nach Magdeburg, wo er bis zu seinem Renteneintritt tätig war. Sportlich jedoch wechselte der Fußballer den Ball gegen die Pfeife. Als Schiedsrichter pfiff er in der Oberliga und gewann Bernd Heinemann als Freund.

Heute sind die beiden 81-Jährigen nicht nur ein diamantenes Ehepaar, sondern noch immer so verliebt wie vor 60 Jahren. Und weil das so ist, gibt es noch immer Dinge beim anderen, über die sie schmunzelnd den Kopf schütteln. So wie Edeltraud beim täglichen Bier von Jürgen. Das will er sich auch nicht nehmen lassen. Denn nach den täglichen Spaziergängen der beiden, die schon mal zwei Stunden dauern können, braucht der Körper Flüssigkeit.

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