Ein Leben wie ein Geschichtsbuch
Burg | Am Dienstag, den 17. August 1926, titelte die SPD-Zeitung „Volksstimme“ auf der Titelseite „Der Nürnberger Aufmarsch“. Während die Volksstimme über die Festtage der Republik berichtete, schrie ein kleines Mädchen in Burg zum ersten Mal in die Welt hinaus.
Dieses kleine Mädchen war Gisela Hannelore Berbig geb. Schulz. Das erste und einzige Kind des Berufsschullehrers Georg Schulz.
Am Montag, den 17. August 2026, titelte die Volksstimme: „Wird Gericht ein Schwimmbad?“ Zwei Schlagzeilen in einem Jahrhundert und einem Leben.
Viele Schlagzeilen und Geschichten wurden in diesen 100 Jahren geschrieben. Nicht nur von der größten Tageszeitung, sondern auch von jenem kleinen Mädchen.
100 Jahre Burg - 100 Jahre Leben - 98 Jahre davon an derselben Adresse.
Dazu wollten der Landrat des Jerichower Landes, Dr. Steffen Burchhardt, und der Bürgermeister der Stadt Burg, Philipp Stark, natürlich gratulieren und trafen ganz nebenbei auf eine alte Bekannte: die ehemalige Gymnasiallehrerin Bärbel Kiel.
Denn eines in der Familie von Gisela Berbig zieht sich wie ein roter Faden durch die Generationen. Der Lehrerberuf. Vom Vater bis zur Enkelin gab es in jeder Generation jemanden, der jungen Menschen Wissen lehrte und sie auf das Leben vorbereitete. Auch das Geburtstagskind war Lehrerin in Burg. Mathematik und Biologie waren ihre Fächer über viele Jahre hinweg, ehe sie in den verdienten Ruhestand eintrat.
Ab da an verlief das Leben für Gisela Berbig nicht unbedingt ruhiger. Nicht unbedingt wegen eines bestimmten Hobbys. „Es war immer genug Arbeit im Haus vorhanden“, erklärt das Geburtstagskind und verweist noch mit auf ihren Schrebergarten, den sie noch bis zum letzten Jahr bewirtschaftete.
Ohnehin ist so ein Leben im Ruhestand nicht unbedingt mit Rasten und Rosten zu vergleichen. Mit 85 Jahren besuchte sie einen Volkshochschulkurs zur Bedienung von Computer und von da an tauschte sie den Stift und das Notizbuch gegen die moderne elektronische Form, um ihr Tagebuch fortzuführen.
Bei so viel Agilität vergehen die Jahrzehnte wie im Fluge. Auch, was die eigene Heimstatt betrifft. Denn das Haus, in dem sie praktisch ihr ganzes Leben verbrachte, hat eine ebenso große Geschichte wie die heut 100-Jährige und ihre Heimatstadt.
Als sie eine junge Frau war, übernahmen Sowjetsoldaten die Kontrolle über Staat, Stadt und Haus. Später kam die Welt hinein. Giselas zweiter Mann, Erhardt Gustav, dem sie ihren heutigen Familiennamen zu verdanken hat, war Direktor der Burger Knäcke-Werke. Er kam viel herum und brachte vieles an Geschichten und Erinnerungen mit. Auch das Mobiliar erzählt Geschichten, wie die 100-Jährige selbst.
Ihr letzter größerer Urlaub war 2006. Der fand in Tschechien mit Wandern und Klettern statt. 80 Jahre war sie damals und bis dahin war sie viel gereist. Mit ihren Eltern und ihrem Mann. Bis nach Kuba und natürlich auch immer wieder in und um die Stadt, in der sie geboren wurde, aufwuchs und lebte, herum. Letzteres mit einem Bienenwagen, den ihr Mann Erhardt besaß.
All ihre Erfahrungen und Erinnerungen gab und gibt die rüstige 100-Jährige in familiärer Gemeinschaft wieder. Begonnen bei Anekdoten und nicht endend bei Familienrezepten, zu denen auch das Hausrezept für den Traditionskuchen gehört, von dem Landrat und Bürgermeister natürlich probierten.